Was sagen Softwareentwickler zur aktuellen Dynamik im Energiemarkt

Die ZfK hat Christian Hartlieb, Geschäftsführer der Somentec Software GmbH dazu befragt. Lesen Sie hier das Interview.

Die Fristigkeit und die Qualität der Gesetze sind ein großes Problem. Aufgrund der kurzen Frist bis zum Inkrafttreten gibt es keinerlei Durchführungsverordnungen, so dass es sehr große Interpretationsspielräume gibt. Wir als Softwarehäuser sind weder Juristen noch Steuerberater und die Juristen und Steuerberater bei unseren Kunden kommen bei ihrer Interpretation der Gesetzestexte zu teilweise recht unterschiedlichen Ergebnissen, so dass wir uns gezwungen sehen, in der Kürze der Zeit auch noch unterschiedliche Varianten bei den Kunden umzusetzen, obwohl wir eigentlich Standardsoftwarehersteller sind.

Softwarehersteller werden übergangen

Problematisch ist grundsätzlich, dass bei den Beratungen (gilt schon seit Anfang an der Energiemarktliberalisierung) Softwarehersteller mit ihrer IT-Expertise nicht miteinbezogen werden. Im Vordergrund stehen natürlich die politischen Ziele, aber in der Konsequenz werden die technischen Auswirkungen auf die IT-Systeme und die Weiterentwicklung der Software zu wenig berücksichtigt. Seit Jahren sind die Zyklen zwischen der verbindlichen Bekanntgabe der Änderungsanforderungen und dem Wirksamwerden für die Softwareindustrie viel zu kurz. Schon zwei Formatwechseltermine pro Jahr sind für einen geordneten Umsetzungsprozess zu kurz. Zu bedenken ist, dass es ja nicht nur der Programmierung von Softwarecode bedarf, sondern diese eine umfangreiche Anforderungsanalyse und Konzeption der Umsetzung voraussetzt. Nach der Programmierung ist es auch nicht nur damit getan, die Software zu testen und auszuliefern, wobei dies schon angesichts der Kritikalität der Energiebranche eine Herausforderung ist, die nur mit Kompromissen zu meistern ist.

Problem: Keine Zeit mehr für Schulungen und Training von Anwendern

Ein zunehmendes Problem ist, dass die Kunden und Anwender aufgrund der Fristigkeiten gar nicht mehr geschult und trainiert werden können, bevor die Formatwechsel in Krafttreten. Und dabei verschleiert der Begriff „Formatwechsel“ meist das wahre Ausmaß der Änderungen. Oft werden Prozesse komplett umgekrempelt, nicht selten kommen neue Marktrollen hinzu oder verschwinden wieder oder Datenmodelle werden tiefgreifend verändert (z.B. von Zählpunkt zu MaLo/MeLo).

Zudem ist es regelmäßig so, dass noch 4 Wochen vor dem Formatwechseltermin als Fehlerkorrekturen deklarierte Änderungen ohne Rücksicht auf deren zeitnahe Umsetzbarkeit veröffentlicht werden.

Die Forderung der Softwarehersteller war es schon von Anfang an, einen Änderungszyklus von einem Jahr bei der BNetzA zu installieren und nicht nur sechs Monate.

Ohne Pause eine Anforderung nach der anderen

In diesem Herbst waren mit der Mako 2022 sehr viele (teils auch fragwürdige) Änderungen gefordert, was neben einer aufwändigen Umsetzung in der Software auch Anpassungen in den Datenbeständen der Kunden (z.B. Artikel-ID) mit sich brachte. Außerdem wären umfangreiche Schulungs- und Trainingsmaßnahmen angesichts der neuen Prozesse und Verfahren notwendig gewesen. All dies war aber gar nicht möglich, weil – zugegeben der aktuellen Situation geschuldet – ohne Pause mit der Gasumlage, Soforthilfe, Mehrwertsteuerreduzierung und Energiepreisbremse eine neue Anforderung die andere gejagt hat. Genau wie in der IT-Branche herrscht auch bei Energieversorgern akuter Fachkräftemangel. Entsprechend hoch ist auch die Anfrage nach Unterstützung bei den Softwareherstellern und Beratungshäusern. Aber aufgrund der Komplexität der Themen kann weder Umsetzung noch eine Unterstützung bei der Anwendung durch reine Masse an Ressourcen bewältigt werden. Auf allen Seiten wird momentan an der Grenze der Belastbarkeit und darüber gearbeitet.

Wenn Verschiebung so aussieht wie 2022, dass die Fülle der Änderungen einfach auf einen späteren Termin kumuliert werden, dann hilft dies weder den Softwarehäusern noch den Energieversorgern. Dringend notwendig wäre es, etwas Ruhe in die Dynamik der Veränderungen zu bringen, was angesichts des Bestrebens nach Beschleunigung der digitalen Energiewende natürlich utopisch erscheint. Andererseits würden von Anfang an gut und zu Ende durchdachte Konzepte, Prozesse und Formate in Summe mehr Geschwindigkeit, Effektivität und bessere Ergebnisse liefern, als Schnellschüsse, unausgegorene Verfahren und insbesondere auch praxisfremde Detailverliebtheit (z.B. 20-stellige IDs, 11 Nachkommastellen für Preise, UTC-Zeit für den deutschen Binnenmarkt, SiLKe, SiMon, etc.)

Auch das Bestreben, jede Wohltat der Politik plakativ auf den Energierechnungen darstellen zu müssen, bedeutet Mehraufwand, weil dadurch die Energieversorger oft zusätzlich ihre Tarife, ihre Formulare und ihre Buchungslogik anpassen, testen und verproben müssen.

Pragmatismus und Bürokratieabbau gefordert

Wenn man in der Politik nicht nur von Pragmatismus und Bürokratieabbau reden, sondern dies auch tatsächlich Eingang in die Anforderungen finden würde, dann könnte den Softwareherstellern, den Beratungshäusern und den Energieversorgern schon ein wenig der momentan dringend notwendigen Luft verschafft werden. Von der Politik zu bedenken wäre schließlich auch, dass der ganze Aufwand bezahlt werden muss - und dies am Ende des Tages schließlich vom Verbraucher!

Dieser Kommentar erschien in der Zeitung für kommunale Wirtschaft 

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